Präventionstagung 2009 an der Technische Universität Braunschweig

Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter sind weit verbreitet. Mittlerweile leidet fast jedes dritte Kind im Laufe seiner Entwicklung unter einer seelischen Erkrankung, vor allem aggressiven Verhaltensauffälligkeiten, ADHS und Angststörungen. Leider bleiben 80 Prozent der psychisch kranken Kinder und Jungendlichen unbehandelt. Gleichzeitig fühlen sich viele Eltern in Erziehungsfragen überfordert und wünschen sich dringend Erziehungshilfen. Zwar gibt es jährlich ca. 50.000 familienbezogene Präventionsangebote in Deutschland. Die Masse der sehr verschiedenen Angebote aber verunsichert die Eltern und schadet womöglich, da die Wirksamkeit  des überwiegenden Teils dieser Elternhilfen nicht belegt ist.

Groß ist auch der Handlungsbedarf bei der Prävention von Kindesmisshandlungen und Vernachlässigung. Empirische Forschungsergebnisse deuten auf ein riesiges Dunkelfeld unerkannter Kindeswohlgefährdungen.

Auf Tagung fand ein interdisziplinärer Austausch über die Chancen und Notwendigkeiten psychischer Prävention statt. Vortragende waren acht Experten von den Universitäten Basel, Bielefeld, Braunschweig, Essen, Köln, Potsdam und Ulm. Die Tagung verlief sehr erfolgreich: gelang es doch, über 550 – in der anschließenden öffentlichen Podiumsdiskussion sogar 600 Teilnehmer – einzubinden. Die von der Fernsehjournalistin Maybrit Illner moderierte Podiumsdiskussion erreichte zudem viele Eltern und Erzieher.

Im Vergleich zu anglo-amerikanischen Ländern,in denen viel mehr finanzielle Mittel für Prävention bereit gestellt werden, sind Deutschland und die Schweiz im Bereich „Prävention kindlicher psychischer Störungen“ ein Entwicklungsland. Die Referenten appellierten daher an die Politik, die Zugänglichkeit wissenschaftlich evaluierter Elternprogramme zu unterstützen.

Der Forderung der Weltgesundheits-Organisation WHO nach Prävention seelischer Störungen könne sich auch Deutschland nicht entziehen.

Mit dem Kongress ist es gelungen, einen Dialog zwischen Wissenschaftlern, Ärzten und Psychologen, aber auch mit Politikern und Entscheidungsträgern über Präventionsmaßnahmen anzustoßen. Weiterhin wichtig ist es, die strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen für evidenzbasierte Prävention zu verbessern, mehr Transparenz zu schaffen und das Engagement der gesundheitspolitisch Verantwortlichen zu verstärken. Nur so werden wir weite Teile der Eltern, insbesondere Eltern aus sogenannten „bildungsfernen“ Gruppen mit qualifizierter Hilfe erreichen.

Die Vorträge finden Sie hier.

Ein Ergebnis der Tagung ist, dass die TU Braunschweig für mindestens zwei Jahre eine wissenschaftliche Mitarbeiter-Stelle bereit stellt, um pro Jahr ca. 30 BSc- und MSc-Studierende in den evidenzbasierten Präventionsprogrammen „Ein partnerschaftliches Lernprogramm“ (EPL) und „Positive Parenting Programm“ (Triple P) auszubilden. Die Kapazität an Plätzen in diesen Präventionsprogrammen wird dabei in der Region Braunschweig erheblich gesteigert und es werden ca. 1.000 Triple P und 600 EPL-Plätze für Eltern zur Verfügung stehen.

Weitere Anstrengungen, solche evidenzbasierten Präventions- und Interventionsprogramme für Paare, Eltern und Kinder besser erhältlich zu machen sind in Gange. So werden zum Beispiel im Sommer  2010  Trainings in EPL in Zürich angeboten.